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Zentralplus

ZUSAMMENARBEIT

Regine Giesecke (Fotos)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

21.3.2025

EIN ALTER SPEICHER ERLEBT DEN WOW-EFFEKT

 

In Hünenberg wurde ein alter Speicher aus dem 18. Jahrhundert vor dem Abbruch gerettet und in ein modernes Wohnhaus verwandelt. Das Resultat verblüfft.

 

Es ist logisch, dass beim Anblick des frisch sanierten Speichers auf dem Hof Drälikon in der Hünenberger Reussebene Begeisterung aufkommt. Ein wunderschönes, wohlproportioniertes Ökonomiegebäude präsentiert sich da, mit in Biberschwanzziegel gedecktem Teilwalmdach, massivem Bruchsteinsockel und neu gezimmertem Treppeneingang samt Laube.

 

Im Innern offenbaren sich aus Massivholz konzipierte Räume, historische Bretter und Balken; mutig ergänzt mit neuen Elementen: einer schwarzen Küchenzeile mit Chromstahlabdeckung, einer türkisfarbenen Nasszelle aus Naturafloor, einer clever konzipierten Garderobe und einer schlichten, rohen Stahltreppe, die steil nach oben führt. Keine Frage: Da war ein Architekt mit sicherem Instinkt am Werk, der weiss, wie ein kraftvolles architektonisches Statement daherkommt, das Alt und Neu unkonventionell verbindet.


Der «Wow-Effekt» verstärkt sich allerdings noch einmal erheblich, wenn man alte Fotos anschaut, die entstanden sind, als Architekt Enzo Cozza, Mitinhaber der Hegglin Cozza Architekten, mit der Planung des Projekts beauftragt wurde. Da sieht man einen unscheinbaren, verlotterten Schuppen mit in Mitleidenschaft gezogenen Wänden, Decken und Böden, eine verwitterte Fassade mit kaputten Fenstern und marodes Mauerwerk. Die Räume auf den Fotos wirken heruntergekommen und verwaist, sind vollgestopft mit ausrangiertem Mobiliar, alten Milchkannen, Plastikstühlen, Gartenschläuchen, Töpfen und Spielzeug – Staub, Schmutz und Spinnennetze, wohin das Auge reicht.

 

Nicht dass die Familie Luthiger, die hier seit Jahrzehnten erfolgreich Landwirtschaft betreibt, keinen Sinn für Ordnung und Sauberkeit hätte – im Gegenteil! Ihr Hof Drälikon ist bestens im Schuss. Aber der Speicher diente seit Jahrzehnten nur noch als Abstellraum und die Kinder nutzten ihn zum Spielen. Eine Zeit lang zog man sogar den Abbruch des Schuppens in Betracht. Doch nach intensiven Gesprächen mit Architekten und Denkmalpflege überlegte es sich die Familie anders und liess das Gebäude unter Schutz stellen. Der renommierte Schweizer Bauernhausforscher Benno Furrer hatte zuvor in einer Expertise aufgezeigt, dass das Häuschen aus dem späten 18. Jahrhundert für Hünenberg «hohen Seltenheitswert» hat.

 

Das Gebäude, so Furrer, verkörpere einen für das Gebiet Ennetsee wichtigen Teil der landwirtschaftlichen Produktion und zeige den interessanten Versuch zur Diversifizierung auf einem Zuger Bauernhof. Früher wurde im Kellergeschoss eine Käserei, später dann eine Schmiede betrieben, im Erdgeschoss befanden sich Werkstatt und Vorratsraum.


Ein weiteres Kriterium, das für die Sanierung sprach, war der hohe Anteil an guter Bausubstanz. Von ihr wurde so viel wie möglich erhalten. «Was mich besonders beeindruckt hat», betont Architekt Cozza, «ist die Tatsache, dass sich die Familie auf meine Ideen eingelassen hat und offen für Neues und Unkonventionelles war, was für eher traditionell geprägte Bauernfamilien keine Selbstverständlichkeit ist.»

 

Landwirte, so seine Erfahrung, sind Praktiker und stellen bei Projekten von geschützten Bauwerken verständlicherweise nicht die gleichen Überlegungen an wie Kunsthistoriker. Vor allem Bauherrin Jolanda Luthiger habe mit ihrem guten Geschmack wichtige Akzente gesetzt und bei Ehemann Leo entsprechend Überzeugungsarbeit geleistet. Durchaus zur Freude von Sohn Manuel, der den modernisierten Speicher nun bewohnt.

 

Der Erwähnung bedürfen auch die involvierten Handwerker. Restaurator Josef Ineichen stellte verputzte Steinwände innen und aussen instand, besserte Fehlstellen aus und versah das Werk mit einer neuen Schlämmschicht. Ausgestattet mit einer gehörigen Portion Berufsstolz deponierte der längst pensionierte, über 80-jährige Fachmann vor Vollendung seines Werks unter der Fensterbank noch ein paar Münzen für die Nachwelt und pflegte damit einen alten Brauch.

 

Genauso engagiert waren die Zimmerleute bei der Sache. Sie stellten ihr Fachwissen bei der Planung zur Verfügung und sorgten für eine präzise Umsetzung. Das Nadel- und Laubholz wurde vorsichtig gebürstet, saniert, geflickt und wenn nötig rekonstruiert. Hölzerne Schiebeläden hat man wieder funktionstüchtig gemacht, passende Fenster angebracht. Im Dachstock wurde die Haupttragkonstruktion sichtbar belassen. Die Zwischenräume hat man gedämmt und mit Gipsplatten verkleidet. Eckbank und Tisch im Essbereich fertigte die lokale Schreinerei aus einer waschechten Hünenberger Eiche.

 

Da und dort gingen den Entscheidungen engagierte Diskussionen voraus. Seitens der Bauherrschaft kam etwa der Wunsch auf, an der Südfassade einen Balkon anzubringen. «Unpassend für ein Gebäude mit Jahrgang 1790» – befanden Architekt und Denkmalpflege und brachten als Alternative die Idee eines verlängerten und laubenartigen Treppeneingangs ins Spiel. Dieses Konzept ist definitiv stimmiger und überzeugte letztlich auch die Bauherrschaft.